Lust und Zärtlichkeit by andreas seger


Lust und Zärtlichkeit – Neues Meisterwerk von Norbert Guthier

Nach den beiden überaus gelungenen erotischen Fotobüchern bodytransfer und kinky & blissful geht der Frankfurter Fotograf Norbert Guthier mit No. 3 noch einen Schritt weiter, konsequent und unbeirrbar, und so entstand ein weiterer herausragender und momentan wohl einzigartiger Bildband. Juristisch gesehen mag Pornografie eindeutig definiert sein, künstlerisch ist sie es meiner Meinung nach keinesfalls! Und das Spannende besteht ja gerade darin, sich als Fotograf auf dieser fließenden, nicht genau festlegbaren Grenze zu bewegen! Wie will man sie auch festlegen? Jeder Mensch empfindet anders, zieht seine eigene individuelle Grenze – und das sollte man akzeptieren, denn dies hat mit Toleranz zu tun. Allein schon die Schwarzweißfotografien Norbert Guthiers bilden einen sanften und wohltuenden Gegensatz zur sonst in Pornomagazinen üblichen auf knalligen Hochglanz polierten Aufdringlichkeit. Mitunter sind seine Bilder unscharf, verschwommen oder grobkörnig, was ihnen eine gewisse Zartheit, aber auch Dynamik verleiht. Das Buch teilt sich in mehrere Fotosequenzen, und durch die Angabe des Datums samt genauer Uhrzeit entsteht so ein äußerst intimes, liebevolles und authentisches Tagebuch von Begegnungen mit zwischenmenschlicher Lust und Ekstase, Zärtlichkeit und Hingabe. Aber das Entscheidende dabei ist: Guthiers Bilder sind nicht inszeniert! Das macht ihre Schönheit aus, ihren Charme, ihre Natürlichkeit! Er fotografiert höchst einfühlsam ganz unterschiedliche Menschen beim Sex – oder sollte man nicht wirklich sagen – Menschen, die sich lieben – offen und ehrlich, ohne "Zensurbalken im Kopf". Und es ist Guthier auch egal, wie No. 3 eingestuft wird – zu Recht, denn die Diskussion, ob erotisch oder pornografisch, führt zu nichts. Wir Deutschen neigen, glaube ich, bedauerlicherweise besonders gern dazu, alles benennen und in Schubladen stecken zu wollen. Tatsache ist, dass Guthier in der heutigen hektischen Zeit der visuellen (und akustischen) Reizüberflutung etwas unglaublich Wichtiges erreicht: Seine Fotografien lassen einen innehalten, berühren zutiefst, und zwar in positiver und lebensbejahender Hinsicht. Denn – ist es nicht wunderbar, allein beim Blättern in einem Buch auf solch intensive und zugleich zärtliche Weise an die Urkraft allen menschlichen Seins erinnert zu werden – die Liebe?

Andreas Seger, Schöneberg


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